Pflegefall Altenpflege
Wo bleibt der Mensch im überlasteten System? Die Zahl der Pflegebedürftigen wächst. Doch die Pflegeversicherung gerät durch akuten Geldmangel in die Krise. Eine Reform ist nötig
"Die Würde des Menschen ist antastbar." Davon ist Theresia Ullrich, 46, nach vielen Jahren in der Altenpflege überzeugt. Sie hat erlebt, wie alte Menschen morgens um 4.30 Uhr aus dem Schlaf gerissen werden, um sie zu waschen, weil der Frühdienst zu eng besetzt ist. Sie hat mit angesehen...,
... wie Pflegebedürftige mit vollen Windeln am Frühstückstisch sitzen, weil die Zeit nicht reicht, sie zu wechseln. Sie hat versucht, dagegen anzugehen. Zweimal konnte sie eine Frau, die jahrelang nur in ihrem Zimmer gelegen hatte, in einem Rollstuhl in den Aufenthaltsraum bringen. Ihre Augen strahlten und Theresia Ullrich versprach, es wieder zu tun. Doch sie fand keine Zeit dazu. Jedes Mal, wenn sie seitdem der Frau in die Augen schaute, hatte sie ein schlechtes Gewissen. Irgendwann hat Theresia Ullrich es nicht mehr ausgehalten. Sie hat gekündigt. "Ich konnte einfach nicht mehr Teil dieser Maschinerie sein", sagt die Pflegefachkraft.
Theresia Ullrich ist eine von vielen Pflegekräften, die an dem System, in dem sie arbeiten, verzweifeln. Fast 300 000 professionelle Altenpfleger betreuen in Deutschland 1,5 Millionen alte Menschen in Pflegeheimen und in häuslicher Pflege für ambulante Dienste. Doch viel zu oft müssen sie es mit dem Blick auf die Uhr tun. Zehn Minuten für die Essensgabe, egal ob der alte Mensch essen will oder nicht, ob er Zuspruch oder Hilfe dabei braucht. Neun Minuten für den Verbandswechsel, egal wie problematisch die Verletzung ist.
Zu wenige Pfleger, die zu viele Arbeiten erledigen müssen, das ist Alltag in vielen Einrichtungen und Diensten. Der Kostendruck bestimmt die Pflege. Dass sich daran etwas ändern müsse, fordern übereinstimmend alle an ihr Beteiligten. Zumal sich die Situation in Zukunft weiter zuspitzen wird.
Die Deutschen werden immer älter und die Alten immer mehr. Derzeit sind 19,9 Millionen Menschen über 60 Jahre alt. 2010 werden es bereits 21,3 Millionen sein, 2030 sogar 27,9 Millionen. Entsprechend wird auch die Zahl der Pflegebedürftigen weiter steigen - Schätzungen zufolge bis zum Jahr 2030 auf mehr als drei Millionen.
"Die Rahmenbedingungen stimmen nicht mehr. Die finanzielle Ausstattung ist gleich geblieben, aber die Kosten steigen. Wenn wir daran nichts ändern, wird die Situation in der Pflege in Zukunft schlimmer", sagt Wilfried Voigt, Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft diakonischer Unternehmen in der Altenpflege. Außerdem sei die Pflege überbürokratisiert. "Über 980 Rechtsvorschriften gelten für Pflegeeinrichtungen, mit über 40 Ämtern, Kostenträgern und Versicherungen müssen sie kooperieren", klagt Voigt. Pflegekräfte hätten daher fast 40 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Verwaltungsarbeiten zu tun.
Für Herbert Mauel, Geschäftsführer des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste, lautet die entscheidende Frage: "Was ist uns die Pflege wert und wie wollen wir sie in Zukunft finanzieren?"
Tatsächlich ist das Pflegegeld seit 1995 nicht erhöht worden. Die Pflegekassen stehen ihrerseits unter Druck, da die Beiträge zur Pflegeversicherung seit Jahren bei 1,7 Prozent stagnieren, weniger Menschen wegen Arbeitslosigkeit überhaupt Beiträge zahlen und zugleich mehr Pflegebedürftige Leistungen beziehen. Das hat zur Folge, dass in diesem Jahr das Defizit der gesetzlichen Pflegeversicherung nach internen Berechnungen des Sozialministeriums auf fast eine Milliarde Euro steigen wird.
Die Pflegeversicherung war 1995 unter der Regierung Kohl mit rein lohnbezogenen Beiträgen eingeführt worden. Als eine Art Teilkasko sollte sie für Pflegeleistungen aufkommen und wurde daher mit festen Beträgen gedeckelt - gestaffelt in drei Pflegestufen (siehe Grafik). Bereits damals wurden Finanzprobleme prophezeit. Inzwischen sind sie Realität. Im Sozialministerium hatten sich Experten daher schon vor Monaten darangemacht, Lösungsvorschläge zu sammeln.
Doch eine solche Reform würde Geld kosten, das die Regierung nicht hat. Daher hat der Kanzler alle Pläne vorerst ausgebremst und eine große Reform auf 2007 vertagt. Lediglich ein Bundesverfassungsgerichts-Urteil, das gemahnt hatte, Beschäftigte mit Kindern bei den Beiträgen zu entlasten, soll zum 1.1.2005 umgesetzt werden. Die Pflegebeiträge für Kinderlose sollen dann um 0,25 Prozent steigen.
Außerdem könnten im Rahmen von Hartz IV bis zu 15 000 Langzeitarbeitslose mit so genannten Ein-Euro-Jobs in der Pflege eingesetzt werden. Die Wohlfahrtsverbände haben dies begrüßt und wollen die Arbeitslosen für begleitende Aufgaben einsetzen - etwa mit alten Menschen spazieren gehen. "Doch der Pflegefachkräfte-Mangel lässt sich damit nicht beheben", sagt Helmut Wallrafen-Dreisow, Kurator des Kuratoriums Deutsche Altenhilfe (KDA). Und er fürchtet, dass anders als von den Wohlfahrtsverbänden zugesagt, die billigen Arbeitskräfte doch Aufgaben der Pflege übernehmen, die sie ohne Qualifizierung nicht leisten können.
Leid Tragende der vertagten Reform werden die Pflegebedürftigen sein. Sogar in den Reihen der Regierungsparteien wächst daher das Unbehagen über die Verschiebung einer großen Lösung. "Wir brauchen dringend eine umfassende Reform. Das jetzige System hat keine Antwort auf die demografische Veränderung", sagt der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Karl Hermann Haak (SPD). Auch Petra Selg, Pflegeexpertin der Bundestagsfraktion der Grünen, weiß, "dass innerhalb der Pflegeversicherung echter Handlungsdruck entstehen wird, wenn wir jetzt nichts unternehmen".
Dabei ist der Handlungsdruck längst übergroß. Nur will davon öffentlich niemand etwas hören. Als vor zwei Wochen der Sozialverband Deutschland (SovD) anprangerte, in deutschen Altenheimen stürben jedes Jahr mindestens 10 000 Menschen infolge schlechter Pflege, schrieen nicht nur viele Träger von Altenheimen auf, eine solche Aussage sei unverantwortlich. Auch Familienministerin Renate Schmidt empörte sich über falsche und gefährliche Dramatisierungen.
Der Sozialverband Deutschland (SovD) hält dennoch daran fest, dass die Situation in der Altenpflege dramatisch sei und verweist unter anderem auf Untersuchungen von Rechtsmedizinern wie dem Hamburger Institutsleiter Klaus Püschel. Er hatte 1999 bei Leichenschauen von Heimbewohnern festgestellt, dass zwei Prozent höhergradige Druckgeschwüre (Dekubitus) aufwiesen. Dekubitus entsteht durch falsche Pflege bei Menschen, die viel liegen müssen.
Volkmar Schneider, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Berliner Charité, hat in einer ähnlichen Studie elf Prozent Dekubitusfälle festgestellt. "Darunter waren zwar auch leichte Fälle und nicht jeder Dekubitus kann verhindert werden", sagt Schneider. Doch er schließt daraus, dass in vielen Fällen die Pflege vernachlässigt wurde. Alte Menschen müssten daher mehr und systematischer obduziert werden, um Pflegemängel nachweisen zu können. "Aber die Politik scheint daran kein Interesse zu haben." Schneider fürchtet, dass aktive Sterbehilfe in Heimen häufiger praktiziert wird, als bekannt ist. "Es wird ja nur obduziert, wenn sich Todesfälle auf einer Station häufen."
Dass Missstände in der Altenpflege keine Einzelfälle sind, davon ist auch Claus Fussek, Sozialarbeiter und Leiter eines ambulanten Pflegedienstes, überzeugt. In seinem Münchner Büro stehen 140 Aktenordner mit 30 000 Briefen und E-Mails von Pflegern, aber auch Angehörigen, die ihm in den letzten acht Jahren über ihre zum Teil schockierenden Erfahrungen in Heimen berichtet haben. Fussek sagt, "dass Mindestanforderungen an Würde und Menschenrechte in vielen Heimen nicht mehr gegeben sind" und hat sich damit in der Branche viele Feinde gemacht. Er spricht von einem Kartell des Schweigens. "So viele Menschen wissen, was schief läuft. Doch keiner spricht darüber."
Dabei gibt es Kontrollen. Der Medizinische Dienst der Kassen (MDK) und die kommunalen Heimaufsichten prüfen die Qualität der Pflege. Doch sie prüften zu selten und wenn, dann mehr die Dokumentation der Pflege als den Zustand der Bewohner, kritisiert Fussek. Aber auch im System sieht er Fehler: "Es gibt keinen Anreiz für gute Pflege."
Tatsächlich wird gute Pflege, die alte Menschen in die Lage versetzt, ihr Leben wieder selbstständiger zu führen, bestraft. Denn wer durch Unterstützung weniger pflegebedürftig wird, rutscht in eine niedrigere Pflegestufe, die Pflegeeinrichtung bekommt also weniger Geld. Hinzu kommt, dass medizinische Leistungen von der Krankenkasse, pflegerische aber von der Pflegekasse gezahlt werden. "Jede Seite versucht, Kosten zu reduzieren - auch auf Kosten des anderen, ohne Blick für das Gesamte", kritisiert KDA-Kurator Wallrafen-Dreisow.
Dabei könnte es auch anders gehen, wie das "Berliner Modell" zeigt: Seit 1998 werden dort in 38 Pflegeheimen die Bewohner rund um die Uhr und eng miteinander verzahnt von Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten betreut. Um den Anreiz für die Einrichtungen zu erhöhen, wurde eine Pauschale von 4212,53 Euro pro Jahr und Bewohner vorgegeben, mit der die medizinische Versorgung, therapeutische Betreuung, Arznei- und Hilfsmittel, Fahrtkosten und Klinikbehandlungen zu bezahlen sind. Wird die Pauschale unterschritten, erhält die Einrichtung einen Bonus, wird sie überschritten wird nach den Ursachen geforscht. Durch die multidisziplinäre Versorgung hat sich der Zustand der Heimbewohner verbessert, sie mussten nur noch halb so oft in Kliniken behandelt werden. Und das spart jährlich mehr als vier Millionen Euro.
Kosten können jedoch auch durch Umstrukturierung und bessere Organisation in den Pflege-Einrichtungen gespart werden. KDA-Kurator Wallrafen-Dreisow kritisiert, dass viele Träger immer mehr Geld forderten, selbst aber ihre Finanzierung nicht offen legten. Die Lösung für die Altenpflege sieht er in einer besseren Koordination zwischen ambulanter und stationärer Pflege. In kleineren Wohngruppen mit Pflegern und Therapeuten könnten Kosten reduziert und die Lebensqualität der alten Menschen verbessert werden. Praktiziert wird das bereits in zahlreichen Modellprojekten wie etwa bei der Bremer Heimstiftung oder der Caritas Betriebsträgergesellschaft in Köln.
Auch die Sozial-Holding in Mönchengladbach, die fünf Altenheime mit mehr als 600 Menschen betreibt und bei der Wallrafen-Dreisow Geschäftsführer ist, stellt derzeit auf dieses Konzept um, drei arbeiten bereits damit. "Und die sind sehr wirtschaftlich", sagt er. Doch vor allem stehe in diesem Konzept der alte Mensch wieder im Mittelpunkt.
Quelle: Welt Online
| < Zurück | Weiter > |
|---|


